„A one, two, three, four, five, six, seven, eight – a one, two, three, four, five, six, seven, eight….“
Thierry Guiderdoni zählt die Schrittfolgen wieder und wieder.

Norma und Sara bewegen sich zunächst synchron, doch dann beginnt Norma ihre Schritte auf der Eins und Sara auf der Drei. Wie bei einem Kanon wird die Abfolge versetzt wiederholt, um dann wieder synchron zu enden. João – ebenfalls im Achter-Count – bewegt sich zwischen den beiden Kolleginnen. Er und Olgert, der als Solist einen anderen Teil des Raums mit anderen Bewegungsabläufen besetzt, verharren plötzlich auf der Sieben und der Acht regungslos. Dann geht es von vorne los. „A one, two, three….“
Die Arbeitsprobe zu „In the middle, somewhat elevated“ von William Forsythe zeigt anschaulich, wie kompliziert die Abfolgen sind und wie konzentriert Tänzerinnen und Tänzer sein müssen, um die Schritte, die Verzögerungen, die wechselnden Einsätze in ihre Körper aufzunehmen.
Die Ballettfreunde durften am 8. Oktober im Studio 1 des Balletthauses miterleben, wie sich binnen einer Stunde aus dem zunächst vorsichtigen Herantasten an die strengen Vorgaben von Forsythe unter der Anleitung von Thierry Guiderdoni nach und nach ein Prozess der Verinnerlichung der Schritte zeigt. Nachfragen nach Position im Raum oder nach Abstand zur Partnerin werden weniger. Thierry gibt freundlich und humorvoll klare Anweisungen, tanzt die Abläufe vor, korrigiert sich auch selbst.
William Forsythe hat gesagt:
„Man kann sich das Ballett als einen Übersetzungsprozess vorstellen, bei dem die TänzerInnen ihr verinnerlichtes Modell dieser visuellen Sprache physisch manifestieren.“
Die Verinnerlichung der Vorgaben der Choreographie und was man dann mit ihr machen kann oder machen sollte, war ein wesentliches Thema des Gesprächs, das im Anschluss an die Arbeitsprobe geführt wurde. Bridget Breiner und Raphaël Coumes-Marquet, die kurzfristig für die erkrankte Julia Schinke eingesprungen waren, sprachen mit Thierry über seine Erfahrungen mit William Forsythe. Immer wieder unterbricht Thierry seine Erläuterungen, springt auf und zeigt, was er meint.
Thierry schilderte, dass er 1991 als junger Tänzer nach Frankfurt zu Forsythe kam und dort mit der Choreographie von „In the middle, somewhat elevated“ quasi „auf die Bühne geschmissen“ wurde und das Stück sehr schnell lernen musste.

„Forsythe testete seine Tänzer manchmal, um zu sehen, ob sie den richtigen Biss für eine Choreographie besaßen. Ich hatte den Biss.“
Wie lernt bzw. wie lehrt man nun eine solche Choreographie?
„Da gibt es mehrere Phasen. Die TänzerInnen müssen zuerst die Schritte lernen. Insoweit ist die Choreographie technisch sehr starr. Sie müssen lernen, die Schrittfolgen richtig zu zählen. Aber dann bitte ich die Tänzer, Risiken einzugehen, also sich an die Grenzen der Schritte heranzutasten. Jedes Mal einen anderen Ansatz an die Schrittfolge zu legen. Sehen, wohin der Schritt den Körper führt oder wo der Schritt beginnt. Versuche herauszufinden, was der Körper macht, wenn du den Schritt ausführst. Teste die Grenze der Balance des Körpers aus, teste die Grenzen der Choreographie.“
Ist seine Version der Choreographie die, die er als Tänzer gelernt hat oder hat sich seine Interpretation mit den Jahren verändert?
„Ich habe das Stück 1991/1992 zum ersten Mal getanzt. Heute – mehr als dreißig Jahre später – sind die TänzerInnen körperlich sehr viel leistungsfähiger als wir es damals waren. Ich nutze diese extreme Leistungssteigerung für die Choreographie. Es gibt mehr Risikobereitschaft und mehr Körperlichkeit.“

Was fordert die Compagnie bei dem Stück von Forsythe besonders?
„Ich muss den TänzerInnen Zeit geben, die Koordination zu lernen. Sie müssen die Möglichkeit haben, sich körperlich an die Abfolgen zu erinnern. Das ist ein Prozess. Was wir heute gesehen haben, ist noch nicht das fertige Produkt. Wir sind noch in der Entwicklung. Freiheit ist die größte Herausforderung für die TänzerInnen. Die Freiheit innerhalb der strengen Disziplin der Choreographie zu finden und zu nutzen. Und zu versuchen, die eigene Persönlichkeit zu zeigen. Es muss „ihre“ Choreographie werden. Das ist eigentlich ein Widerspruch. Du willst, dass sich die TänzerInnen an die strengen Vorgaben halten, aber gleichzeitig sollen sie frei werden, zu sich selbst zu finden. Wie bei Jazzmusikern. Sie müssen zwar einer Melodie folgen, können aber damit herumspielen, also improvisieren. Aber immer folgt man der Vorgabe des Stücks.“
Wie spielt Forsythe mit den Regeln des klassischen Balletts?
„Er nimmt die Regeln des klassischen Balletts und versucht dann, sie zu brechen. Man nimmt eine sehr klassische Position ein und fragt, was verändert sich, wenn ich diese Linie der Körperbewegung etwas verändere, wenn ich sie verlängere? Es muss aber weiterhin ästhetisch aussehen. Welche neuen Formen kreiert der Körper dann? Welcher nächste Schritt folgt aus der Veränderung und mit welcher Bewegung gelange ich zu der neuen Position? Wo ist mein Körper im Raum? In welchem Winkel stehe ich gerade? Bin ich nach vorn gebeugt, zur Seite, stehe ich aufrecht, gebückt? Forsythe hat Regeln entwickelt für die Improvisation. Er nannte das „room writing“. Man stellt sich den Körper in einem imaginären Würfel vor, in dem sich der Körper bewegt. Und so kann man alle Bewegungsrichtungen genau definieren und beschreiben.“

Was hat der seltsame Titel der Choreographie zu bedeuten?
„Forsythe hat das Stück 1987 für die Pariser Oper kreiert. Als Bühnenbild plante eine Wand voll mit goldenen Objekten. Die Objekte, die alle im Foyer der Oper hingen, sollten dort abgebaut und auf der Bühnenwand angebracht werden. Es waren goldene Blumen und Früchte. Das erwies sich aber als zu aufwändig. Und so bat er nur um ein einziges dieser Objekte, nämlich einen Zweig mit zwei goldenen Kirschen. Als er gefragt wurde, wo denn diese Kirschen auf der großen Wand angebracht werden sollten, sagte Forsythe: In the middle, somewhat elevated.“
Infos:
William Forsythe, geboren 1949 in New York, tanzte nach seiner Ballettausbildung zunächst beim Joffrey Ballet. Er wurde 1973 von John Cranko für das Stuttgarter Ballett verpflichtet und 1976 zum Haus-Choreographen ernannt. 1984 wechselte er als Ballettdirektor nach Frankfurt, wo er bis 2004 das Ballett Frankfurt leitete. Von 2005 bis 2015 führte er seine eigene, unabhängige Company, The Forsythe Company.
Thierry Guiderdoni wurde in Nizza geboren, studierte Ballett in Monaco und wurde 1982 Mitglied des Stuttgarter Balletts. Von 1991 bis 2004 war er Tänzer beim Ballett in Frankfurt und wurde dort 2005 zum Ballettmeister und künstlerischen Assistenten von William Forsythe ernannt. Thierry ist freiberuflicher Probenleiter für The Forsythe Productions.
Premiere ist am 30. Oktober im Opernhaus Düsseldorf zusammen mit dem Stück „Strong“ von Sharon Eyal.
Eine kostenfreie Ballettwerkstatt findet am 21. Oktober um 17:30 Uhr im Opernhaus statt.
Text: Axel Weiss; Fotos: Renate Weber-Zangrandi