Das ABC des Klassischen Balletts - Teil II „Partnering“

I’ll take care of you

Ballettdirektor Raphaël Coumes-Marquet hatte im letzten Jahr die Ballettfreunde in das ABC des klassischen Balletts eingeführt. An diesem Abend ging es nun um den 2. Teil, die Einführung in das Partnering. Es ging also darum, was im Ballett weit über die Technik in einem Pas de Deux oder Pas de Trois hinausgeht: das gemeinsame Tanzen in Perfektion mit einem oder mehreren Partnern. Und wer wäre nicht besser geeignet, die Ballettfreunde in die Geheimnisse des Partnering einzuführen, als unsere Chefchoreographin Bridget Breiner und unser Ballettdirektor Raphaël Coumes-Marquet, die selbst schon auf der Bühne zusammen getanzt haben und nun in ihrer gemeinsamen Leitungsfunktion beim Ballett am Rhein jeden Tag einen institutionellen Pas de Deux nach dem anderen hinlegen.

Wer schon in Duisburg in Grey Area bei Dawson oder in der Orgel Passion die atemberaubenden Hebefiguren in Glen Tetleys Voluntaries gesehen hatte, der konnte an diesem Abend endlich die Grundbedingungen der immer wieder in Erstaunen setzenden Aufhebung der Schwerkraft und perfekten Harmonie kennenlernen.

Wie lernt man so etwas? Wie lernt man zusammen zu tanzen? Ist das Teil der Ausbildung? waren deshalb auch die ersten Fragen von Julia Schinke, die den Abend moderierte.

Bridget erklärte, dass an ihrer Ballettschule seinerzeit gar keine „Jungens“ waren. Um das gemeinsame Tanzen mit einem Partner zu lernen, mussten einmal im Monat die Tänzer der Compagnie erscheinen und mit den Mädchen üben. Das hätten sie immer ganz toll gefunden. Raphaël ergänzte, dass Partnering ein Teil der Ballettausbildung war, der allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt, so ab 14-15 Jahren geübt wurde. Dafür gab es dann eine extra Klasse pro Woche. In dieser Klasse lernte man zunächst, wie man eine Partnerin hält, ohne dass sie umfällt. Und dafür gab es unzählige Übungen, sozusagen „bis zum Umfallen“ hätte man das trainiert. Für die Ballettfreunde gab es dann die erste Demonstration, wie Bridget und Raphaël in die Balance kommen und selbige auch halten. Denn es ist gar nicht so einfach, den Balance Punkt zu finden: wann darf man loslassen, wie kommt eine Partnerin in die Drehung?

Auch hier machte Raphaël in einer anschaulichen Geste deutlich, dass ein kleiner „Fuiiii“ genügen würde, um die Partnerin in den Händen zu drehen. Er führte weiter aus: „Der Partner muss bei der Drehung dagegenhalten, damit beide die Balance halten können, da ist auch sehr viel Psychologie dabei; das ist bei jeder Partnerin anders.“ Und Bridget fügte hinzu: „Ich muss zum Beispiel mit meinem Rücken arbeiten und meine Position adaptieren.“

Und wie lernt man diese unglaublichen Hebefiguren wie bei Tetley oder Dawson? Gibt es dazu spezielle Übungen? Kann man das am Boden üben? Zum Beispiel diese Hebefigur, wo die Tänzerin auf den ausgestreckten Armen ihres Partners auch noch einen Spagat macht?
„Nein, am Boden kann man das nicht üben“, erklärte Raphaël, das sei eine Frage des richtigen Timings. „Man muss sich das so vorstellen, dass man zusammen tanzt, zusammen die Schritte macht und dann muss es einen Augenblick der gezielten Koordination zwischen den Tänzern geben. Es heißt, den richtigen Moment zu finden, quasi Augen zu, Gefühl für das Timing und hoch!“

„Und wir Tänzerinnen sind ja keine Kartoffelsäcke, wir helfen ja mit,“ ergänzte Bridget. Es sei weniger eine Frage der Kraft als eine Frage des richtigen Moments und der Kooperation. Ihr Mann sei zum Beispiel richtig stark, aber er könne sie nicht über den Kopf heben. Aber ihre kleineren Ballettpartner hätten das immer gekonnt. Der Spagat in der Luft sei übrigens gar nicht so schwer, weil man ihn gut stabilisieren könne in der Luft. Schwieriger sei das Zurückkommen. Und um das Gesagte zu demonstrieren, wurde ein Stuhl genommen, Bridget stellte sich darauf, Raphaël hob sie aus der Balance hoch über den Kopf mit gestreckten Armen et voilà : Bridget macht den Spagat in der Luft. Formvollendet. Balance, Timing Vertrauen par excellence in einer Figur.
Großer Applaus!

Geht man zurück in die Geschichte des Partnering, vom französischen Hof über Petipa, Balanchine, van Manem, Tetley oder Dawson, um einige zu nennen, so kann man leicht erkennen, dass sich das Partnering verändert hat. In Voluntaries z. B. sieht man Hebefiguren, die man so noch nicht gesehen hat und einem den Atem nehmen. Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen?
Raphaël führte aus, dass ganz am Anfang Ballett nur etwas für Tänzerinnen war. Die Aufgabe des Tänzers war eigentlich nur die Partnerin zu halten und ihr bei den Drehungen und Sprüngen Hilfestellung zu geben. Selbst bei Petipa sei der Tänzer im Pas de Deux hauptsächlich noch dazu da, der Partnerin zu helfen. Das habe sich nur langsam verändert, aber dann hätten die Ballets Russes einen entscheidenden Beitrag geleistet, denn dort sollte der Tänzer gleichberechtigt mit der Ballerina ein Pas de Deux oder Pas de Trois tanzen. Glen Tetley habe die Balletttechnik im Partnering weiter revolutioniert, was man besonders eindrucksvoll in Voluntaries sehen könne. Auch Forsythe habe in den 80igern wie ein Wissenschaftler nach neuen Formen des Partnerings gesucht.
„Man tanzt zusammen, hat andere Bewegungen, es entsteht eine Vision der gemeinsamen Bewegungen. Der moderne Tanz hat die Unsichtbarkeit des Tänzers aufgehoben und ihn sichtbar gemacht“, so Raphaël.
Und das wurde direkt an einem kleinen Beispiel vorgeführt: das „Out of balance“, typisch für William Forsythe. „Da muss der Tänzer in einer eigenen Bewegung dagegenhalten, ein einfaches Festhalten der Partnerin reicht nicht aus.“

Kommen wir zu den Feinheiten: Spitzenschuh, Schläppchen und Kostüm? Was ist schwieriger beim Partnering?
Bridget erklärte aus der Sicht der Tänzerin, dass der Spitzenschuh das Partnering anders, v.a. schneller mache, mit Spitzenschuhen sei es aber schwieriger in die Balance zu kommen. Und mit Kostüm drehe es sich auch langsamer, mit Röcken oder im Tütü.
A propos Tütü! Raphaël ergriff das Wort und schilderte mit allerlei Posen, wie sehr ein Tütü den Tänzer beim Partnering behindert. Lachend erklärt er das Dilemma: “Man sieht nichts, der Tütü hält Dich von der Tänzerin fern, man sieht den Boden nicht, das ist sozusagen Blindflug, dann hat man das Ding im Gesicht, Du siehst wieder nichts, die Maske verrutscht, der Tüll kratzt…“ Bridget legte aber Wert darauf, dass erst ein Kostüm aus der “Bridget aus Ohio“ eine andere Person mache, man fühle sich im Kostüm einfach anders. Gleichwohl, bei der ersten Kostümprobe würden immer alle meckern: zu schwer, zu rutschig, zu unbequem, zu starr, zu wenig oder zu viel Haut. Nackte Haut sei auch sehr kompliziert, weil man beim Tanzen schwitze und der Körper nass und rutschig wird. Raphaël ergänzte, dass es da einen Trick gebe: Kolophonium. Da würde man sich ganz mit eindecken und schon sei alles wieder griffig.

Das führte zur nächsten Frage, was eigentlich schwieriger zu gestalten sei für den Choreographen, aber auch für die Tänzer und Tänzerinnen: ein Pas de Deux oder ein Pas de Trois?
Bridget erläutert, dass ein Pas de Trois schwieriger sei, denn da müsse lange geübt werden, wer was macht und zu welcher Zeit. Da müsse das Timing besonders stimmen. Die jungen Tänzerinnen und Tänzer lernten das heute bereits an den Schulen, an der Palucca in Dresden z.B. sei Partnering mit mehreren Tänzern Bestandteil des Ausbildungsprogramms.

Was macht nun den perfekten Partner aus? Gibt es da etwas zu beachten?
Bridget und Raphaël sind sich einig, dass es für jeden einen richtigen Partner gäbe, man müsse ihn nur finden, denn nicht alle Partner passten zusammen. Dazu gehöre, dass man von der Größe her zusammenpasse. Der Größenunterschied dürfe nicht zu groß sein. Ein großer Tänzer und eine kleinere Tänzerin seien perfekt, aber umgekehrt sehr schwierig. Für einen großen Tänzer dürfe aber die Partnerin auch nicht zu klein sein, gibt Raphaël zu bedenken, denn dann müsse der Tänzer zu tief runter gehen. „Und größere Tänzerinnen haben eine andere Achse, können sich oft besser halten für die Balance“ fügt Bridget hinzu.

Aber es sei nicht nur das Größenverhältnis, das stimmen müsse. Da sind sich Bridget und Raphaël einig. Für das ideale Partnering müsse man auch ein gemeinsames Gefühl für die Koordination und Musikalität entwickeln, beide müssten das Gefühl für das richtige Timing haben. Unterschiedliche Temperamente seien auch eher hinderlich, ein dynamischer Partner sei mit einem langsamen Partner sehr schwer in Einklang zu bringen. Grundsätzlich aber sei es am Anfang total normal, wenn etwas nicht klappe. Das könne man üben und lernen wie bei Glen Tetley in Voluntaries.

Finden sich eigentlich die Partner selbst? Oder wer entscheidet, wer zusammen tanzt?
„Nein, in der Regel wählt der Choreograph aus. Das ist auch einfacher für die Tänzer. Man sollte auch vermeiden, echte Lebenspartner zusammen tanzen zu lassen.“ erklärt Bridget.

Und wie ist das mit dem Körperkontakt, gibt es schwierige, weil zu intime Szenen? Heute ist der Blick darauf ja ein anderer?
Hier ist man sich einig, dass es intime Szenen sowieso in jeder Choreographie gäbe; da hätten Balletttänzer*innen nicht so ein großes Problem, das sei anders als bei Schauspielern. Beim Tanz ist Körperkontakt normal, aber heute spricht man darüber.

Ein letzter Satz zum idealen Partner?
Raphaël: Man verbringt soviel Zeit im Ballettsaal zusammen, in dieser Zeit braucht man einen Partner, der die gleiche Passion hat, Lösungen für Probleme findet, der dasselbe Interesse an einer guten gemeinsamen Zeit habe.
Bridget: Man braucht einen Partner, dem man ganz und gar vertrauen kann. Es geht nicht nur darum, der Choreographie gut zu folgen, sondern an jedem Tag machst Du etwas für die Erfahrung. Du willst gemeinsam etwas gut machen und da spielt Vertrauen eine große Rolle.

Und nun die allerletzte Frage: das schönste Pas de Deux - Erlebnis?
Raphaëls Wahl fällt auf den 4. Akt im Schwanensee, aber vielleicht ist es auch der 3. Akt bei Romeo und Julia.
Bridget entscheidet sich für einen Moment, als sie den Onegin getanzt hat. Da hätte sie das Gefühl gehabt, heute läuft es vielleicht nicht so gut. Und ihr Partner habe zu ihr im entscheidenden Moment gesagt : „Whatever will happen, I’ll take care of you.“

Die Ballettfreunde dankten Julia Schinke, besonders aber Bridget Breiner und Raphaël Coumes-Marquet für diesen informativen, offenen und amüsanten Abend bei vollem Körpereinsatz: Balance, Timing und Vertrauen in Perfektion.

Text: Renate Raeune
Fotos: Erich Kutzera