Mit zwei Uraufführungen von Bridget Breiner und Lesley Telford und einem preisgekrönten Stück von David Dawson lädt das Ballett am Rhein zu einer Reise in getanzte Zwischenwelten ein. Namensgeber für das neue Programm ist Dawsons Stück „The Grey Area“, mit dem ihm vor fast 25 Jahren der Durchbruch als Choreograph gelang. Grey Area steht im Englischen für Übergänge, für Zwischenzustände, in deren Unsicherheit und Ungewissheit häufig ein großes kreatives Potenzial verborgen liegt.
Premiere für den dreiteiligen Abend ist am Freitag, 16. Januar, um 19.30 Uhr im Theater Duisburg.
Ein Prozess, der immer weiter geht, ein Gefühl, das im Kopf oder im Herzen bleibt: Chefchoreographin Bridget Breiner eröffnet das neue Ballettprogramm mit „Shards“ – „Scherben“.

Choreographiert hat sie ihr Stück über etwas, das man ein Leben lang mit sich herumträgt, zu Songs von Jeff Buckley. Mit dessen Interpretation des ursprünglich von Leonard Cohen komponierten und später von John Cale umgeformten Stücks „Hallelujah“ machte er den Song zum Welthit – als Interpretation einer Interpretation, als Teil eines Prozesses, der immer weiter geht.

Die Kostüme schuf Stefanie C. Salm und das Licht stammt von Volker Weinhart.
David Dawson erforscht in seinem mit dem renommierten Prix Benois de la Danse ausgezeichneten Werk „The Grey Area“ das Verhältnis von Raum und Zeit zwischen zwei gegensätzlichen Polen: Schwarz und Weiß. Anfang und Ende. Leben und Tod. Je nach Art der Reise zwischen den Polen scheint sich dabei die Zeit selbst zu dehnen oder zu beschleunigen.

In seiner Verschmelzung von wissenschaftlicher Untersuchung und choreographischer Erkundung reizt Dawson die Grenzen so weit aus, dass Physisches in Spirituelles übergeht.

Die Musik stammt von Niels Lanz, die Bühne schuf David Dawson und die Kostüme hat Yumiko Takeshima entworfen. Das Licht organisierte Bert Dalhuysen und die Choreographische Einstudierung haben Raphaël Coumes-Marquet und Clemens Fröhlich durchgeführt.
In „Threshold of a Fall“ schließlich widmet sich Lesley Telford dem menschlichen Streben nach immer Mehr, nach einem Weitergehen über die Grenzen der Natur hinaus. Sinngemäß übersetzt mit „Schwelle zum Kippen“ gilt ihr choreographisches Interesse der fragilen Beziehung zwischen Mensch und menschengemachten Systemen.

Inmitten eines hängenden stilisierten Waldes gehen die Tänzer*innen an und über die Grenzen ihrer Balance und offenbaren, dass kleinste Veränderungen scheinbar Unzerstörbares zum Zusammenbruch bringen können.
Die Musikstücke stammen von Hauschka, György Ligeti und Hildur Guðnadóttir, das Sounddesign von Davidson Jaconello. Die Bühne schuf Yoko Seyama und die Kostüme stammen von Irina Shaposhnikova. Volker Weinhart war wieder für das Licht verantwortlich.

Info: Der dreiteilige Ballettabend „Grey Area“ dauert inklusive Pausen zwei Stunden und 15 Minuten.
Premiere ist am Freitag, 16. Januar, 19.30 Uhr, im Theater Duisburg.
Weitere Termine:
24. und 29. Januar 2026
14., 21. und 25. Februar 2026
Jeweils 19:30 Uhr im Theater Duisburg
Bereits am 12. Dezember 2025 hatten die Ballettfreunde Gelegenheit, eine Arbeitsprobe zu der Choreographie von David Dawson im Studio 1 des Balletthauses zu sehen. Die Probe wurde geleitet von Raphaël Coumes-Marquet, der bereits 2002 in Amsterdam das Stück zusammen mit David Dawson entwickeln konnte. Raphaël war seinerzeit Principal Dancer am Nationale Ballet Amsterdam. David Dawson kam aus der Compagnie von William Forsythe in Frankfurt, wo er zwei Jahre lang getanzt hatte und nun ab 2002 in Amsterdam choreographisch tätig sein wollte.
Im Gespräch mit der Dramaturgin Julia Schinke schilderte Raphaël, wie David Dawson, er und die anderen Tänzerinnen und Tänzer das Werk in zwei Wochen harter Arbeit entwickelt haben.

Thema der Choreographie sei der schwierige Übergang zwischen zwei Ebenen der menschlichen Existenz, die Grey Area; der Zwischenraum etwa zwischen Leben und Tod, zwischen Ende und Wiederbeginn. David Dawson sei 2002 in der Transition vom Tänzer zum Choreographen gewesen und diese für Kopf und Körper schwierige Aufgabe habe ihn zu dem Stück inspiriert. Er habe einen spirituellen Zustand schaffen wollen, in dem sich die Tanzenden von ihren Körpern lösen und sich in eine „emotional physicality“ (D. Dawson) begeben müssen.
David Dawson hat dazu in einem Interview 2023 gesagt:
„Von Anfang an war ich immer daran interessiert, wie ich Formen verbinden kann, eine Form mit der anderen. Wenn ich einen Weg finde, eine Bewegung zu schaffen, die jemanden dazu bringt, sich mit seinem Geist oder Körper zu verbinden – woanders hinzugehen, an einen Ort jenseits. Tanz ist eine Möglichkeit, eine Emotion auszudrücken.“
Es gehe um die Erforschung des Verhältnisses von Zeit, Raum und Spiritualität. Was geschieht zwischen zwei Punkten im Raum, wenn man sich von A nach B bewegt? Wie bewegt man sich dann wieder zurück nach A? Jeder einzelne Schritt sei bei der Entwicklung der Choreographie analysiert worden, erinnerte sich Raphaël.

Die Bewegungen der Tanzenden wiederholen sich, werden aber immer schneller. Raphaël beschrieb diesen Zustand bildhaft mit dem Moment vor dem Absprung von einem hohen Turm. Ein kurzer, keine Sekunde dauernder Moment, der sich im Kopf des Springenden jedoch lange dehnt. Der Moment des Absprung sei dann wie eine Explosion.
Text: Deutsche Oper am Rhein, Axel Weiss; Fotos: Daniel Senzek (1), Ingo Schäfer (2), Yan Revazov (5), Renate Weber-Zangrandi (1)