Arbeitsprobe mit Bridget Breiner zu Dornröschen

„Es soll ein wenig chaotischer sein“

Dass in Studio 1 viele Menschen passen, das wissen die Ballettfreunde von den Weihnachts-, Jubiläums- und Adventsfeiern. Gleichwohl schien der Raum angesichts der vielen anwesenden Tänzerinnen und Tänzer irgendwie kleiner geworden zu sein. Nicht nur fast die gesamte Compagnie war anwesend, sondern auch alle Ballettmeisterinnen und Ballettmeister ,zusätzlich der Gast-Ballettmeister Louiz Rodriguez sowie der Korrepetitor Juan-Pedro Godoy, Vanessa Weber als Produktionsleiterin, Julia Schinke, die den Abend gewohnt schwungvoll moderierte, und natürlich Bridget Breiner. Nach einer herzlichen Begrüßung durch Egon Schawe ging es sofort an die Probenarbeit.
Was kann die Chronistin berichten?
Zu sehen war eine äußerst schwungvolle und lebendige Szene mit anrührenden Pas de Deux, großen, den raumdurchmessenden Sprüngen, Freezings und Stillstand. Das königliche Elternpaar einte ein fortwährender Pas de Deux, zwölf weise Frauen, in der Konstellation sechs mal sechs, durchschritten anmutig den Raum , und wurden fast weggesprengt von sechs Gentlemen, die mit so viel eleganter Power und kraftvollen Sprüngen Studio 1 durchmaßen, dass die erste Reihe vorsichtshalber die Füße einzog. Dazu tanzten drei lustige Gesellen alias Dick , Kurz und Lang, sowie ein attraktiver junger Mann, der Dornröschen anflirtete und mit ihr ausgerechnet dahin verschwand, wo (plötzlich) das Spinnrad stand. Eine einzelne Tänzerin wurde von ihm mit vorwurfsvollem Ausdruck und eindringlichen Gesten bedacht, bis dann eine weise Frau aus dem prophezeiten Tod Dornröschens die bekannten 100 Jahre Schlaf machte.
Wir befanden uns also mitten in der Probe des ersten Aktes, in dem Aurora, so heißt Dornröschen, ihren 16. Geburtstag feiert.

Lucas Erni (Désiré), Chiara Scarrone (Aurora)

Die Story ist bekannt, den meisten auch das Ballett, sodass hier auf die kleinen, aber feinen Unterschiede eingegangen werden soll.
Fangen wir mit dem Königspaar an, das anders als in bekannten Choreographien nicht
nur ergriffen und huldvoll lächelnd vom Rande aus das höfische Treiben betrachtet, sondern miteinander tanzt. Die Feen sind hier weise Frauen, die Dornröschen zum Geburtstag gratulieren und anmutig und wissend den Raum beherrschen.
Die sogenannte böse Fee, Carabosse, ist die dreizehnte weise Frau. Sie hat einen bereits erwachsenen Sohn, Désiré, der sich in Aurora verliebt und ziemlich sauer auf seine Mutter ist, dass sie das Ding mit der Spindel durchzieht, an der sich Dornröschen sticht. Die jüngste weise Frau, nicht die Fliederfee, wandelt das Verdikt um. Und, auch das ist anders, es gibt eine Erzähler*in.
In diesen atemberaubenden Konstellationen, die eine ungeheure wissende Kreativität erfordern, den Raum, die Bewegungen, das Geschehen und die Musik zu koordinieren, hörte man immer wieder erklärend Bridget Breiner, die über Headset sowohl die Anweisungen an die Tänzerinnen und Tänzer gab, und dabei gleichzeitig den Ballettfreunden erklärte, was sie jetzt sehen würden.

Sophie Martin (dreizehnte weise Frau Carabosse), Chiara Scarrone (Aurora)

Der Durchlauf brachte dann eine solche choreographische Stringenz und Klarheit in der Erzählung, dass man wieder einmal verblüfft war, wie unsere Chefchoreographin aus scheinbarem Chaos Ordnung, Kunst und Zauber entstehen lässt.
Ein langer, begeisterter Applaus entließ die Tänzerinnen und Tänzer in den wohlverdienten Feierabend.
Im anschließenden Gespräch mit Julia Schinke, die sich übrigens für die Arbeitsprobe genau diese Szene wegen der vielen Charaktere gewünscht hatte, erläuterte Bridget Breiner in sehr humorvoller, reflektierender und bestimmter Weise, was für sie das Ballett Dornröschen bedeutet, wie sie es deutet und warum sie es so macht, wie sie es macht.

Bridget Breiner, Julia Schinke

Der Grundtenor ist: Dornröschen ist so bekannt, so besetzt, es ist alles schon einmal durchgespielt und durchgetanzt, dass es eigentlich viel Mut erfordert, ein so bekanntes Ballettstück neu zu erzählen und zu choreographieren. Jeder, der die Musik von Tschaikowsky hört, weiß, wie es nach Petipa zu tanzen ist. Es gibt Tänzerinnen und Tänzer, die beim Abspielen der Musik genau wissen, wie die Choreographie dazu ist, weil eben diese Bilder im Kopf und die Bewegungen durch die Musik in den Körpern abgespeichert sind. Als Choreograph hat man ebenfalls die bekannten und erwarteten Bilder mit der Musik im Kopf. Deshalb ist es besonders schwierig, davon Abstand zu nehmen, sich neu zu erfinden und die Musik anders einzusetzen. Bridget Breiner erzählt lachend, dass sie sich selbst immer wieder überraschen würde.
Aber zurück zur ersten Frage von Julia, warum Bridget Breiner die Version der Gebrüder Grimm anderen Erzählversionen vorgezogen hat.
Bridget Breiner findet die zwölf weisen Frauen sehr interessant. Auch die sogenannte böse Fee, Carabosse, ist eine weise Frau, nur am anderen Ende der Tugendskala. Sie ist mit dem Mond verbunden und weiß Dinge, die nicht jeder weiß, v.a. nicht Männer. So ist auch der Frosch, der im Märchen der Königin die frohe Botschaft der lang ersehnten Schwangerschaft verkündet,in ihrer Deutung folgerichtig Carabosse. Sie ist wie eine Art Hebamme, die um viele „Frauendinge“ (Breiner) weiß, die „der Mann“ nicht versteht. Den König interessiert das alles nicht, er lehnt Carabosse ab und lädt sie auch nicht ein. Mit den entsprechenden Konsequenzen.

Orazio Di Bella (König), Sophie Martin (dreizehnte weise Frau Carabosse), Balkiya Zhanburchinova (Königin), Hofherren, zwölf weise Frauen

Die nächste Frage bezieht sich auf die Rolle des Erzählers, der im Märchen nicht vorkommt.
Warum wird er sowohl von einer Tänzerin als auch einem Tänzer getanzt?
Bridget gesteht, dass sie selbst davon irritiert sei, sich nicht für eine Version entschieden zu haben. Eigentlich sei sie ja die Erzählerin, sie ändere die Geschichte, sie sei weiblich. Aber dass sowohl ein Mann als auch eine Frau die Erzähler*in verkörpere, das gäbe wieder ganz neue Ideen.
Kommen wir zur Musik. Bridget Breiner hat den englischen Komponisten und Arrangeur Tom Smith beauftragt, die Musik für Dornröschen nicht nur neu zu arrangieren, sondern auch noch Musik hinzu zu komponieren. Warum?
Bridget Breiner erklärt, dass sie Unterstützung benötigte, um die Musik von ihren Vorstellungen zu trennen und die Musik anders nutzen zu können. Die Gespräche mit Tom Smith hätten ihr dabei sehr geholfen. Sie erklärt, dass sie das klassische Dornröschen liebe, aber diese Erzählung gäbe es schon, sie erzähle die Geschichte anders und auf ihre Art.
Im ersten Akt halte sie sich noch fast an die Reihenfolge. Aber im 2. Akt habe Tom eine Traumwelt für sie kreiert, deshalb gäbe es da viele Abweichungen. Ihr habe Dornröschen leid getan. Nach 100 Jahren werde das Mädchen endlich wachgeküsst, und dann passiere eigentlich nichts mit ihr, außer, dass sie den Prinzen heiratet. Sie habe sich eine Erweiterung nach dem Aufwachen gewünscht. Sie wolle zeigen, wie Dornröschen auf an sie gestellte Erwartungen reagiert, ob dieses nette angepasste Mädchen auch revoltiert und gegen ihre Bestimmung kämpft.
Deshalb sei auch der Prinz anders. Désiré ist der Sohn von Carabosse, der frei und in der Natur aufgewachsen ist, während Dornröschen wohlbehütet und kontrolliert am Hofe ihrer Eltern aufwächst. Als sie 16 wird, steigt sie kurz aus, um dann 100 Jahre zu schlafen.

Niklas Jendrics, Joan Ivars Ribes, Vinícius Vieira (Helden)

Wofür stehen bei Bridget die 100 Jahre? Benutzt sie sie als Metapher?
Bridget Breiner erklärt, dass sie sich für die 100 Jahre entschieden habe, um sich nicht daran zu halten. Der Prinz küsst Dornröschen zur richtigen Zeit wach. Es kommt, wie es kommen muss, ganz wie im Grimm‘schen Märchen.
Und was erwartet die Zuschauer im 3. Akt, mit der wohlbekannten Musik und den variationsreichen Tanzszenen?
Hier sind ebenfalls Überraschungen zu erwarten. Einige Variationen werden szenisch genutzt, andere überschrieben. So ist der berühmte Pas de Deux des blauen Vogels den Helden gewidmet, die versucht haben, die Dornenhecke zu durchbrechen.
Wie werden die Kostüme sein? Hier wird nicht viel verraten, nur soviel, dass die weisen Frauen alle das gleiche Kleid wie eine Uniform tragen, aber jede hat eine andere Frisur und trägt andere Schuhe, erst bei der Geburtstagsfeier werden sie auf Spitzenschuhen tanzen. Außerdem hat jede weise Frau einen Stock, der wie ein Waffe Stärke verleiht.
Kommen wir zur letzten Frage, die sich direkt an die Choreographin Bridget Breiner richtet.
Es gibt viele Gruppenszenen, aber auch innige Momente. Was ist schwieriger für sie zu choreographieren? Und helfen dabei die Kostüme aus der Märchenwelt?
Die Arbeit mit Gruppen sei im Prinzip für sie einfacher, berichtet Bridget. Das sei, als wenn man einen Pinsel habe und die Figuren hin- und herzeichnete. Aber bei den intimen Momenten, den innigen Pas de Deux zum Beispiel, da müsse man sehr viel mehr auf die Bedeutung der Bewegungen achten. Auch die Kostüme machten die Sache nicht einfacher, denn man habe ja immer noch Arme und Beine, es gäbe immer noch Schwebefiguren, trotz oder wegen der Kostüme. Das erfordere viel Reflexion und sei ein komplexer Prozess.

Lang anhaltender Beifall für Bridget Breiner, dass sie sich trotz der anstrengenden Arbeit die Zeit genommen hat, ihre Erzählung von Dornröschen mitten im Entstehungsprozess mit den Ballettfreunden zu teilen. Ein großer Dank auch an Julia Schinke, die durch ihre Fragen eine große Erwartungshaltung aufgebaut hat.

Wie immer lädt das Ballett am Rhein alle Interessierten vorab zur kostenlosen Ballettwerkstatt mit Podiumsgespräch und Probenbesuch im Opernhaus ein – sie findet statt am Mittwoch, 12.11. um 17.30 Uhr.

Weitere Informationen und Aufführungstermine unter Oper am Rhein.

Die Fotos von Tänzer*innen stammen nicht aus der Balletfreunde Arbeitsprobe. Es handelt sich um Pressefotos der Deutschen Oper am Rhein.

Text: Renate Raeune; Fotos: Renate Weber-Zangrandi, Joachim Riederer und Altin Kaftira