Arbeitprobe mit Gil Harush

Don’t look at the jar, but at what’s inside it!

Für das Programm „Zwischenwelten“, das am 07. September im Theater in Duisburg Premiere hat, wurde der franko-israelische Choreograph und Psychotherapeut Gil Harush vom Ballett am Rhein gebeten, eine Choreographie zu kreieren.

Die Ballettfreunde hatten am 17. August die Möglichkeit, eine Arbeitsprobe von Gil Harush zu erleben. Er hat sein Werk „Don’t look at the jar“ genannt. Die Übersetzung eines jüdischen Sprichworts, wonach man nicht auf das Glas schauen, sondern sich mehr um den Inhalt des Glases kümmern soll. Ein entsprechendes englisches Sprichwort lautet:„Don’t judge a book by its cover“. Dramaturgin Julia Schinke stellte das Werk und den Choreographen vor.

Es geht also um Innen- und Außenwelt, um Verpackung und Inhalt, um Schein und Sein. Wie nimmt mein Umfeld mich wahr? Wie nehme ich mich selbst wahr? Wer bin ich? Wie beeinflusst das Äußere – was ich sehe – mein Inneres? Wie beeinflusst mich, wie meine Außenwelt mich wahrnimmt?
Die diversen Brüche zwischen Selbst- und Außenwahrnehmung, die Wechsel von Identitäten vollziehen sich in diesem Werk auf mehreren Ebenen. Dazu muss etwas weiter ausgeholt werden.

Es beginnt bei der Musik für die Choreographie. Sie stammt von einer Komponistin mit dem Künstlernamen SOPHIE, die 1986 in Glasgow als Samuel Long geboren wurde. SOPHIE arbeitete als Musikerin und Produzentin. Zunächst hielt sie ihre Identität geheim, gab selten Interviews und wenn, dann nur per Telefon und mit künstlich verzerrter Stimme. Erst 2018 outete sich SOPHIE als Transgender, als Frau in einem Männerkörper. Ihr Album „Oil of every pearl’s un-insides“ wurde 2019 für den Grammy in der Kategorie „Bestes Dance/Electronic Album“ nominiert. Der (sinnlose) Titel des Albums soll eine phonetische Verballhornung von „I love every person’s insides“ sein.
2021 verunglückte SOPHIE in Athen tödlich.

SOPHIE LP-Cover, Foto: Transgressive

Schon in der Person der Komponistin zeigen sich also Identitätsbrüche wie auch im Titel des Albums, wobei das Kunstwort„un-insides“ die Außensicht darstellt, obwohl „insides“, also eine Innensicht gemeint sein soll.

Der Kritiker Sylvain DiChristo über die Musik von SOPHIE:
„SOPHIE gehört zu dieser Kategorie von Künstlern, die einen nicht mehr loslassen, wenn man sie erst einmal entdeckt hat. Dies liegt zum einen an ihrem mystischen Charakter, zum anderen an der Vielfältigkeit ihrer Musik. Electronico-Bubblegum gemischt mit Chiptune und einer Prise Kawaii. Von Weltall-Geräuschen und sterilisierten Stimmen haben wir noch nie irgendetwas Vergleichbares gehört. Man fühlt sich dabei, als ob man auf der Tanzfläche in einem zu engen Batman-Kostüm ersticken würde. Neuartig, merkwürdig, extrem, kompromisslos, ehrlich… Das sind die Wörter, die in den Medien oft fallen, wenn es darum geht, SOPHIEs Musik zu beschreiben.“

Die Musik des Albums, die man als Synthie-Pop kategorisieren kann, wurde von der Gruppe Wooden Elephant transponiert in ein klassisches Gewand für Streicher.

Wooden Elephant ist ein zeitgenössisch orientiertes Streichquintett, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Alben der elektronischen Rock- und Popmusik in ihrer Totalität als akustische Konzerte aufzuführen. Ihr Motto lautet: „We don’t play songs, we play albums“. Die MusikerInnen kommen aus Irland, Schottland, Island, Bulgarien und Norwegen.

So hat Wooden Elephant schon Radioheads Album „Kid A“, Björks „Homogenic“ oder Beyoncés „Lemonade“ in den Konzertsälen von Berlin und Paris, auf dem London Jazz Festival, dem Schleswig-Holstein Musik Festival, dem Beethovenfest Bonn und in vielen anderen Konzertsälen aufgeführt. 2018 war Wooden Elephant auf dem Düsseldorf Festival zu sehen und zu hören.
Wooden Elephant wird die Musik von SOPHIE – arrangiert von ihrem Geiger Ian Anderson – in Duisburg live einspielen.

Ian Anderson über die Musik von SOPHIE:
„Das Album erinnert mich an eine Mahler-Symphonie in dem Sinne, dass die ganze Welt eingeschlossen ist. Jede einzelne Gefühlsregung ist präsent, vom fast schon zu süßen Eröffnungstitel bis hin zur unerbittlichen Brutalität des Schlussstücks.“

Foto: Anneveldt Multimedia

Hier also ein weiterer Bruch: Synthie-Pop, eine weitgehend mit elektronischen Geräten produzierte Musik, wird in analoge, auf akustischen Instrumenten gespielte zeitgenössische Klassik verwandelt. Wobei Wooden Elephant sich die musikalische Freiheit nimmt, das klassische Instrumentarium mit Klängen von Alltagsgegenständen (u.a. von Ventilatoren, Vibratoren, Ketten, Gläsern, Papier) zu erweitern und zu verfremden. Dadurch wird (erneut) eine Erwartungshaltung des Publikums gebrochen.

Foto: Dan Abbott

Die Musik – in ihrer Ursprungsform zum freien Hören, Assoziieren oder Mittanzen gedacht – ist nun in ihrer verwandelten Form Grundlage einer Choreographie, in der alle Schritte und Bewegungsabläufe festgelegt sind.

Ein wichtiges Element in der Choreographie von Gil Harush ist das Wiederholende. Was wir immer wieder in unserem täglichen Leben sehen und erleben, bildet sich zu einem Stereotyp aus. Aber Stereotypen kann man aufbrechen und etwas Neues aus der Wahrnehmung kreieren.
Gil Harush betonte besonderes die kreative Mitarbeit der Compagnie. Auch wenn sein Name als Choreograph auf dem Programm stehe, so hätten doch die Tänzerinnen und Tänzer einen Anteil von 50 Prozent, wahrscheinlich sogar 60 Prozent an der Gestaltung des Stücks gehabt.

„Don’t look at the jar“ wird am 7. September in Duisburg erstaufgeführt im Rahmen des Abends „Zwischenwelten“.
Weitere Aufführungen in Duisburg – jeweils um 19:30 Uhr – sind am 24.09., 28.09., 11.10. und am 21.10.2022.
Eine Ballettwerkstatt zu „Zwischenwelten“ wird am 29. August um 18:00 Uhr im Theater Duisburg stattfinden.
Weitere Aufführungen von „Zwischenwelten“ sind im Rahmen des Beethovenfestes am 10. und 13. September im Theater Bonn zu sehen.

Weitere Informationen und Termine auf der Internetseite der Deutschen Oper am Rhein.

Text: Axel Weiss, Fotos: Renate Weber-Zangrandi