Homeoffice für Tänzer/-innen (Folge 2)

Ein Telefonat mit Aleksandra Liashenko

Wir wollten alles geben, wollten zeigen:
Das ist unsere letzte, aber auch unsere beste Spielzeit.

Aleksandra beim Training in ihrem Home-Office

Es ist Sonntagmittag und es regnet. Da will man auch ohne die Corona- Krise nicht aus dem Haus gehen. Glücklicherweise habe ich mich für ein FaceTime-Telefonat mit Aleksandra Liashenko verabredet. Das ist sicher ein erfreulicher Ersatz für den fehlenden Sonnenschein.

Das iPhone in Stellung gebracht, das Mikrophon für das iPad aktiviert, die Aufzeichnung gestartet und Aleksandras Nummer gewählt. Perfekt! Und dann? Ich sehe nur ein total verpixeltes Bild von Aleksandra und ihre Stimme kann ich kaum hören.

„Schlechte Verbindung“ meldet mein iPhone bedauernd. Wir versuchen es noch einmal. Dasselbe Ergebnis. „Schlechte Verbindung“ mault wieder das iPhone. Ich wechsele meinen Standort. Erneut: „Schlechte Verbindung“. Wir sind doch beide in Düsseldorf oder?

„Wo bist du, Aleksandra? In der Ukraine?“ Sie lacht: „In meiner Wohnung in Düsseldorf.“

Sie schlägt eine Verbindung über WhatsApp vor. Habe ich nicht, ist mir viel zu datenhungrig. Ich schlage Skype als nächste Möglichkeit vor. Habe ich zwar noch nie genutzt, aber ich bin ja lernfähig.

Aleksandra mailt mir ihren Nutzernamen, ich rufe meine Frau hinzu, die sich mit Skype auskennt und nun helfen muss. Wir wählen Aleksandra an. „Aleksandra ist nicht online“, meldet sich Skype. Telefonanruf bei Aleksandra: „Gehe bitte online.“ Sie versucht es, aber nichts klappt. Skype sagt mir beständig, dass ich warten muss, bis Aleksandra meine Einladung zu einem Gespräch annimmt. Will sie, aber Skype lässt es nicht zu. Offenkundig eine virtuelle Kontaktsperre im Netz. Wir sind wie die zwei Königskinder, die nicht zusammenkommen können. Wir vereinbaren ein ganz normales Telefonat ohne Kamera, also fast so wie früher, als die Telefone noch Wählscheiben hatten und nicht mobil waren.

Geht doch. Ich will nun den Lautsprecher des iPhone einschalten, um unser Gespräch aufzeichnen zu können. Plötzlich hört mich Aleksandra nicht mehr. Oh je, ich habe aus Versehen das Mikrophon auf stumm gestellt, statt den Lautsprecher einzuschalten. Mann und Technik. Oder noch schlimmer: Alter Mann und neue Technik.

Nachdem nun die Fehler erkannt und behoben sind, können wir uns unterhalten.

Hier einige Auszüge aus dem recht langen Gespräch.

F: Wie hast du auf die Mitteilung reagiert, dass die Premiere für b.43 kurzfristig abgesagt werden musste?

Aleksandra: Ich war natürlich traurig. Wir haben ganz intensiv an dem Stück „Siebte Sinfonie“ von Uwe Scholz gearbeitet. Ich hatte zusammen mit Philip (Handschin) die Hauptrolle, wir waren das „Main couple“. Und ehrlich gesagt: Das ist eines der schwierigsten Ballette, die ich jemals getanzt habe. Giovanni di Palma hat das Stück mit uns einstudiert. Beim ersten Durchlauf habe ich gedacht, ich würde sterben. Es ist so kompliziert. Es dauert etwa 40 Minuten und ich bin fast die gesamte Zeit auf der Bühne und habe kaum die Möglichkeit, etwas zu trinken. Giovanni sagte nach dem ersten Durchlauf: Das ist wie Don Quijote in vierzig Minuten.

Wir hatten viel Spaß bei den Proben, aber sie forderten meine ganze Kondition und ich hatte schon Muskelschmerzen. Wir haben jeden Tag

einen Durchlauf geprobt, manchmal sogar zwei Durchläufe an einem Tag; zusätzlich hatten wir noch die Bühnenproben. Ich möchte mich auf diesem Weg ganz herzlich bei Giovanni bedanken. Er hat uns unheimlich geholfen.

Unsere Motivation war die bevorstehende Premiere. Dafür haben wir uns so angestrengt. Dafür mussten wir unsere Kondition halten. Freitags sollte die Premiere sein. Am Dienstag las ich, dass in Berlin und München die Theater geschlossen wurden. Wir haben weiter geprobt und am Mittwoch bekamen wir eine Mail von der Hausleitung, dass wir wahrscheinlich die Premiere tanzen würden, wenn auch vor weniger Zuschauern. Am Mittwoch haben wir noch die Hauptprobe 2 mit Kostümen absolviert. Als ich spät am Abend nach Hause kam, sah ich die Mail, dass die Premiere nicht stattfinden würde. Ich war sehr traurig, habe aber auch realisiert, dass das eine notwendige Entscheidung für uns und unsere Gesundheit und die der Zuschauer war. Du fragst dich natürlich: Muss das einen Tag vor der Premiere passieren? Das war schon ein Schlag, weil wir so hart geprobt hatten. Und die Woche vor einer Premiere ist immer die anstrengendste mit den Bühnenproben. Man arbeitet körperlich und psychisch darauf hin, dass man bei der Premiere in Topform ist. Die nächsten Tage habe ich dann nur geschlafen. Meine Hoffnung war, dass die Oper für zwei Wochen schließen und die Premiere in Duisburg stattfinden würde. Aber jetzt frage ich mich, ob wir b.43 überhaupt jemals aufführen können.

Meine Eltern wollten mich in Deutschland besuchen und ich hatte für die Vorstellung vom 5. April Karten für sie besorgt. Wir sehen uns nicht sehr häufig, meist nur einmal im Jahr. Ich freute mich auf den Besuch und auf die Möglichkeit, diese Choreographie für sie tanzen zu können.

Es ist nun so, wie es ist. Die Hauptsache ist, dass wir alle gesund bleiben. Das hat absoluten Vorrang.

F: Wie hältst du dich jetzt fit?

Aleksandra: Das ist nicht einfach. Ich kann kein Studio besuchen und habe in meiner Wohnung nicht sehr viel Platz zum Trainieren. Ich mache meine Gymnastik und das Stretching für die Muskulatur. Normales Balletttraining ist schwierig, weil mein Fußboden ziemlich glatt ist und ich nicht richtig mit den Spitzenschuhen trainieren kann. Ich versuche es aber, um auch meine Füße in Form zu halten. Inzwischen gibt es glücklicherweise die Möglichkeit, an Balletclasses, Yoga oder Pilates über Instagram teilzunehmen. Ich habe mich auch an den beiden Instagram- Trainings von Rubén und Eduardo beteiligt, bei denen man nicht nur trainieren, sondern auch mit kurzen Kommentaren mit den anderen Compagniemitgliedern kommunizieren kann. Die meisten von uns leben alleine und ihre Familien sind weit weg. Ich lebe alleine, meine Familie ist in der Ukraine. Da ist es gut, dass wir über Instagram oder WhatsApp Kontakt halten können. Ich fühle mich nicht einsam. Es gibt immer noch Menschen um mich herum, die in der gleichen Situation sind wie ich. Es ist es wichtig, dass wir uns gegenseitig unterstützen und helfen. Das Virus kann uns alle befallen.

F: Gibt es Kommunikation innerhalb der Compagnie?

Aleksandra: Ja natürlich über die sozialen Medien. Einige posten lustige Bilder und Videos. Ich habe keine Langeweile. Ich plane meinen Tag jetzt sehr genau. Wann ich Gymnastik mache, wann ich koche und so weiter. Ich nutze die freie Zeit auch um Dinge zu machen, die ich vorher nicht so intensiv habe machen können: Etwa um mich weiterzubilden. Die Zeiteinteilung funktioniert nicht immer, weil ich jetzt häufiger und länger mit Freunden telefoniere und dann ist plötzlich eine Stunde vorbei und der Plan stimmt nicht mehr. Beim Training halte ich mich aber streng an den Plan. Das gibt mir das Gefühl, meiner Arbeit nachzugehen, wenn auch allein in meiner Wohnung.

F: Planst du deine Einkäufe?

Aleksandra: Als die Corona-Krise anfing, gaben mir Freunde und meine Familie, den Rat, Vorräte einzukaufen. Ich bin dann losgezogen, habe aber nicht das gefunden, was ich kaufen wollte, weil alle Leute die gleichen Produkte gekauft haben. Jetzt kaufe ich mein Gemüse und das Obst immer so ein, dass der Vorrat für zwei, drei Wochen reicht. Ich gehe immer tagsüber einkaufen, nicht mehr abends und halte mich nur kurz in den Geschäften auf.

Arbeitslose Spitzenschuhe

F: Was fehlt dir am meisten?

Aleksandra: Mir fehlen die sozialen Kontakte. In der Compagnie sind wir praktisch jeden Tag zusammen gewesen. Das ist wie eine große Familie. Wir haben miteinander gelacht, haben uns unterstützt, haben morgens schon vor Trainingsbeginn in der Umkleide miteinander geredet. Das war unsere Lebensnormalität. Und jetzt frage ich mich, wie kann es normal sein, dass ich mich nicht mehr mit diesen Menschen treffen darf? Dass ich nicht mal mit meinen besten Freunden zusammenkommen darf?
Anfangs war ich noch unsicher. Freunde riefen an und wollten sich mit mir treffen, wollten mich besuchen, mit mir gemeinsam kochen, luden mich zu anderen Freunden ein. Erst war ich hin und her gerissen. Ich bin jung und fit. ür mich wäre das Virus wahrscheinlich nicht so gefährlich, aber ich könnte ihn an kranke und ältere Menschen weitergeben.Ich habe deshalb alle Einladungen abgelehnt. Die Gesundheit ist zur Zeit wichtiger. Ich bin froh, dass ich genug Geld habe, um mir Lebensmittel zu kaufen und dass ich mein Telefon und das Internet habe, um Kontakte zu halten. Ohne das wäre es schlimmer. Aber so geht es.

F: Kannst du dir vorstellen, wie es nach der Trainings- und Vorstellungspause wieder losgehen soll mit dem Tanzen?

Aleksandra: Ich glaube, dass wir alle nicht mehr in der Form sind, die wir vor der Pause hatten. Ich jogge manchmal, um meine Kondition zu halten, aber ohne das gewohnte Training ist das schwierig. Mit der Gymnastik versuche ich, meine Muskulatur beweglich zu halten. Wenn wir wieder trainieren dürfen, wird es einige Zeit dauern, bis wir alle die gewohnte Form gefunden haben. Ich kann mir nicht vorstellen, schon morgen eine Premiere zu tanzen. Da wäre mein Körper überfordert. Wir haben zwar auch im Sommer sechs Wochen Ferien, in denen keine Trainings im Balletthaus stattfinden, aber das ist nicht vergleichbar, weil wir in dieser Zeit selbst entscheiden können, wie wir uns fit halten. Ich reise viel und bewege mich ständig. Ich laufe herum, kann mich draußen frei bewegen und Sport machen. Jetzt sitze ich viel und muss in meiner Wohnung bleiben. Ich versuche, in der ganzen Situation meine positive Lebenseinstellung zu behalten. Ich denke, dass die Krise länger anhalten kann, als wir glauben. Deshalb plane ich immer nur von Woche zu Woche. Wenn ich mir jetzt schon vorstellte, dass die Situation bis zum Ende des Sommers anhalten wird, wäre das zu deprimierend. Wenn ich mir aber immer nur eine weitere Woche vorstelle, kann ich optimistisch bleiben.

Ich möchte noch etwas für die Compagnie sagen:

Diese Spielzeit ist sicherlich die wichtigste für uns alle. Es ist Martins und Remus‘ letzte Saison und ich glaube, alle in der Compagnie haben von dieser Spielzeit ganz viel erwartet. Die Compagnie löst sich auf und wir wollten noch einmal alles geben, wollten den Ballettfreunden zeigen: Das ist unsere letzte, aber auch unsere beste Spielzeit. Das geplante Programm war fantastisch. Es ist so schade, dass wir wahrscheinlich dem Publikum nicht mehr alles zeigen können.

Platz ist auf dem kleinsten Balkon - wenn man beweglich ist



Ich bleibe positiv und hoffe, dass es möglich ist, gegen Ende der Spielzeit wieder auf der Bühne und die Ballettfreunde mit unserer Kunst begeistern zu können. Die Compagnie freut sich natürlich besonders darauf, im Juni die Gala-Abende für Martin tanzen zu können.

Gespräch: Axel Weiss
Fotos: privat